Bayerischer Landtag hörte Betroffene an
Ehemalige Heimkinder schilderten Schicksale
Es war eine ungewöhnliche Anhörung im Bayerischen Landtag: Ehemalige Heimkinder schilderten den Abgeordneten am 12. Juni 2012 erschütternde Lebensgeschichten. Der 79-jährige Richard Sucker hatte zu der Veranstaltung im Senatssaal des Maximilianeums einen „Ochsenziemer“ mitgebracht. Damit wurde er als Kind in einem Heim in Oberfranken misshandelt. Schläge auf die nackte Haut gab es wegen Nichtigkeiten – bis die Kinder bluteten, berichtete Richard Sucker. 19 Jahre musste er im Heim verbringen. Er war unehelich auf die Welt gekommen – damals ein riesiger Makel. „Kinder von unehelichen Müttern galten als Kinder der Sünde, wurden als Hurenkinder gebrandmarkt“, sagte Manfred Kappeler, emeritierter Professor für Sozialpädagogik an der TU Berlin. Seit 40 Jahren beschäftigt er sich mit dem Schicksal von Heimkindern, die ihn als „ihre Stimme“ bezeichnen.
Text: Heidi Wolf | Fotos: Rolf Poss
29.06.2012
Unerwartet große Resonanz von Betroffenen
Sonja Djurovic und Richard Sucker hatten mit ihren Petitionen an den Bayerischen Landtag die Anhörung im Maximilianeum initiiert: Betroffene sollten darlegen können, dass es auch in bayerischen Heimen in der Zeit von 1949 bis 1975 zu Übergriffen und Rechtsverstößen gekommen sei und Menschen an entscheidenden Stellen versagt hätten. Der Ausschuss für Soziales, Familie und Arbeit suchte über die Medien Betroffene und war von der Reaktion überrascht: 80 ehemalige Heimkinder äußerten den Wunsch, über ihre schrecklichen Erlebnisse, über erlittenes Leid und Unrecht einmal an verantwortlicher Stelle reden zu können, 56 weitere Betroffene wollten einfach dabei sein, erfahren, dass sie mit ihrem Leid und den lebenslangen Folgen nicht alleine sind. „„Wir wollen Ihre kritischen Anmerkungen und Anregungen mitnehmen, sie aufgreifen und in unsere Arbeit aufnehmen“, versprach Brigitte Meyer, die Vorsitzende des Sozialpolitischen Ausschusses, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die teilweise von weit her gekommen waren. Zu Beginn der Veranstaltung wurde eine gemeinsame Erklärung aller Fraktionen im Bayerischen Landtag verteilt. Darin bedauern die Mitglieder des Ausschusses die Geschehnisse in den Kinderheimen und die damit verbundenen, teilweise lebenslangen Folgen für die Betroffenen zutiefst. Die Anhörung solle ein weiterer Beitrag zur Aufklärung, Aufarbeitung und der Beginn eines Dialogs zwischen Landtag und Betroffenen sein.
Hoffnungen an die Politik
Die ehemaligen Heimkinder hoffen, dass die Veranstaltung einen Schub für ihre Anliegen bringt. Professor Manfred Kappeler formulierte eine Reihe von Forderungen, bei denen die Anerkennung der Kinder- und Jugendarbeit in den Heimen als Zwangsarbeit an vorderster Stelle steht. Diese Zeiten müssten für die Rente anerkannt werden. Richard Sucker hat genau ausgerechnet, was ihm zusteht: 34 Euro pro Tag, 365 Tage, 19 Jahre. So lange war ich unschuldig eingesperrt!“ Und dann fügt er bitter an: „Es ist eine Schande, dass ich als fast 80-Jähriger noch für mein Recht kämpfen muss.“ Sucker bat, auch in Zukunft genau hinzuschauen, was heute in den Heimen passiert. „So etwas darf sich nicht wiederholen“, lautete der Appell der ehemaligen Heimkinder an die Politikerinnen und Politiker. Landtagspräsidentin Barbara Stamm wertete die Anhörung als Zeichen der Wertschätzung an die Betroffenen: „Sie sind Menschen, die das oft nicht erfahren haben. Diese Wertschätzung wollten wir Ihnen heute geben.“


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