„Die Welt geht nicht zu Grunde, weil wir es nicht schaffen, zum Mond zu fliegen, sondern weil wir es nicht schaffen, unseren Alltag zu organisieren“, sagte die Soziologin Monika Kritzmöller bei der Expertenanhörung des Ausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Sachverständige äußerten sich zu den "Perspektiven der hauswirtschaftlichen Berufsbildung in Bayern".
Text: Anna Schmid | Fotos: Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten25.06.2010
Die Sachverständigen, die der Ausschuss zu diesem Thema eingeladen hatte, betonten die wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung dieses Berufs: Die Menschen in Deutschland werden immer älter und die Zahl der Problemfamilien wächst.
Gesellschaftliche Herausforderungen
Die Bildungsgänge im Bereich Hauswirtschaft passen sich diesen wandelnden gesellschaftlichen Herausforderungen in den Bereichen Versorgung, Betreuung und Dienstleistung regelmäßig an. Sie bieten somit für alle, die sich im Berufsfeld der Hauswirtschaft aus- und fortbilden vielfältige Möglichkeiten für die berufliche Zukunft. Doch obwohl der Bedarf groß ist, kämpft die Hauswirtschaft mit Imageproblemen und Nachwuchssorgen.
Ausgebildete Hauswirtschafter finden, je nach Qualifikation, Arbeit in Schulmensen, bei der Betreuung älterer Menschen, in der Ernährungsberatung, bei der Unterstützung von Risikofamilien oder als Lehrer. Dass ihr Können gefragt ist, beobachtet Waltraud Lucic, Vizepräsidentin des bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes BLLV. „Es gibt Kinder, denen der Magen knurrt“, sagte sie. Viele Menschen würden gerne kochen, sie könnten es nur einfach nicht mehr. Defizite im hauswirtschaftlichen Bereich sieht die Universitätsdozentin Kritzmöller in allen Gesellschaftsschichten. So hätten auch viele ihrer privilegierten Studenten an der Eliteuniversität St. Gallen oft Probleme, ihr Leben praktisch zu organisieren.
Die Nachfrage nach qualifizierten Kräften macht sich auch auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar: Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit waren im Jahr 2009 in Bayern bereits 16.310 Menschen mit einer Berufsausbildung in der Hauswirtschaft sozialversicherungspflichtig beschäftigt – 1266 mehr als noch im Jahr 2007. Es würden zwar viele junge Leute in der Hauswirtschaft ausgebildet, doch nicht alle von ihnen blieben nach ihrem Abschluss dem Arbeitsmarkt auch erhalten, sagte Klaus Beier von der Bundesagentur in Nürnberg. Viele bilden sich in anderen Berufen weiter. Das Einkommensniveau ist im Vergleich zu anderen Handwerksberufen vergleichsweise niedrig. Zusätzlich leide das Image des Berufs unter der Verdrängung von Fachkräften durch Ungelernte, kritisierte Hanka Schmidt-Luginger, die Vorsitzende des Bayerischen Landesausschusses für Hauswirtschaft. So entstehe schnell der Eindruck, dass dies jeder könne.
Die Anforderungen an die Hauswirtschaft hätten sich geändert, sagte Kritzmöller. Früher galt es noch, mit knappen Ressourcen auszukommen und „aus nix ein Essen zu kochen“. Heute müsse jeder jeden Tag zwischen verschiedenen Möglichkeiten wählen, ob beim Kauf eines Joghurts oder bei der Auswahl des richtigen Handyvertrages. „Mit dieser Situation der freien Wahl umzugehen ist eine Qualifikation, die eigentlich jeder lernen muss.“ Wie die anderen Experten auch, forderte sie deshalb, in den Schulen wieder mehr hauswirtschaftliche Kenntnisse zu vermitteln.
Alle Experten waren sich einig, dass das Image des Berufsfeldes Hauswirtschaft aufgewertet werden muss. Hier seien Allround-Talente in der Organisation und in der Betreuung verschiedener Personengruppen gefragt, sagte der Ausschussvorsitzende Albert Füracker (CSU): „Hauswirtschaft ist eine Kunst im Sinne von Können.“