Bild: Mitglieder des Sozialausschusses im Gymnasium Kirchseeon (v.l.) mit Schulleiterin Gabriele Söllheim (3.v.l.): Klaus Steiner (CSU), Thomas Gehring (Grüne), Georg Eisenreich (CSU), Renate Will (FDP), Martin Güll (SPD) und Günther Felbinger (Freie Wähler). - Copyright: Michael Fröhlich, Gymnasium Kichseeon - Foto: Michael Fröhlich, Gymnasium Kichseeon

Arbeitsgruppe UN-Konvention

Auf dem Weg zur Inklusion an Schulen

Die interfraktionelle „Arbeitsgruppe UN-Konvention“, bestehend aus Mitgliedern des Ausschusses für Bildung, Jugend und Sport, hat sich vor Ort über Möglichkeiten und Herausforderungen bei der Inklusion an Schulen informiert: „Wir hatten bereits einen Runden Tisch und einige Anhörungen zu diesem Thema“, erklärt Georg Eisenreich (CSU), stellvertretender Ausschussvorsitzender und Sprecher der Arbeitsgruppe. „Nun wollen wir sehen, wie sich die Situation in der Praxis von Regelschulen und Förderzentren darstellt.“ Die Redaktion begleitete die Arbeitsgruppe beim Besuch verschiedener Einrichtungen im Großraum München.
Text: Eva Spessa | Fotos: Michael Fröhlich, Gymnasium Kirchseeon
07.07.2010 
Gymnasium Kirchseeon
Das Gymnasium Kirchseeon etwa ist das erste und bislang einzige Gymnasium in Bayern mit einer Außenklasse: Neun Kinder mit geistigen Behinderungen vom Förderzentrum Korbinianschule in Steinhöring haben ihr Klassenzimmer im Gymnasium Kirchseeon. Neben ihrem eigenen, sonderpädagogischen Unterricht nehmen sie gemeinsam mit nicht behinderten Kindern an den Wahlkursen „Gemeinsam bewegen“ und „Kreativ musizieren“ sowie an Projekten in den Regelklassen und an Schulveranstaltungen teil. „Unsere Regelschüler lernen im Miteinander mit unserer Außenklasse soziale Kompetenzen wie Respekt und Rücksichtnahme in einem besonders hohen Maß“, erklärt Schulleiterin Gabriele Söllheim. „Und die Schüler der Außenklasse erleben einen Alltag außerhalb ihres ‚geschützten Bereichs’.“ Eine Ausweitung des Projekts zum Beispiel auf zwei Außenklassen jedoch würde die Möglichkeiten der Schule übersteigen – dafür fehle es vor allem an Lehrern.

Privatgymnasium Derksen
Am Kleinen Privaten Lehrinstitut Derksen, einem Privatgymnasium im Münchner Südwesten, hat rund die Hälfte der Schüler speziellen und sehr unterschiedlichen Förderbedarf. „Wir versuchen, die Perspektive der Kinder einzunehmen, um herauszufinden, wie wir sie am besten unterstützen können“, erklärt Jan Derksen, Geschäftsführer der Schule. In enger Zusammenarbeit mit den Eltern, den Schülern, Universitäten und anderen Experten erarbeitet die Schule individuelle Lösungen für die behinderten Kinder und Jugendlichen: Technische Hilfsmittel spielen eine Rolle, vor allem aber auch das Engagement der Lehrer, die auf jeden Schüler seinen Bedürfnissen entsprechend eingehen. So hat etwa in diesem Schuljahr ein schwerst körperbehinderter Schüler das beste Abitur seines Jahrgangs gemacht.

Sonderpädagogische Förderzentren
Dass an den Grund- und Hauptschulen kein Kind ungefördert bleibt, gewährleisten die Sonderpädagogischen Förderzentren. Die Arbeitsgruppe besuchte das SFZ Freising sowie das SFZ München Mitte 1. Einhelliger Tenor: Es fehlen Mittel. Die Klassen seien zum Teil größer als in den örtlichen Hauptschulen, klagt die Schulleitung in Freising. Sowohl in Freising als auch in München verwiesen die Verantwortlichen auf die ungenügende Ausstattung des Mobilen Sonderpädagogischen Dienstes (MSD), dessen knapp bemessene Stundenzahlen viel zu wenig Arbeit mit den Schülern zuließen. Aufgabe des MSD ist es, den sonderpädagogischen Förderbedarf von Schülern an Regelschulen abzudecken und damit die Notwendigkeit der Beschulung an einem Förderzentrum zu vermeiden.


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„Unser oberstes Ziel ist es, die Kinder so zu fördern, dass sie an die Regelschule wechseln können“, erklärt Frau Schmandt-Müller, Leiterin des Sonderpädagogischen Förderzentrums München Mitte 1. So schön es wäre, wenn alle Kinder an Regelschulen unterrichtet werden könnten – realistisch sei das jedoch nicht. Allerdings könne mit den entsprechenden Mitteln und einer weitaus besseren personellen Ausstattung des MSD und der Regelschulen – idealerweise auch mit Sonderpädagogen, Sozialpädagogen, Heilpädagogen und Ergotherapeuten – die Beschulung am Förderzentrum um ein Drittel reduziert werden.

Das gemeinsame Fazit der Arbeitsgruppe aus den Gesprächen an den Schulen: Die Verwirklichung der Inklusion sei ein langangelegter Prozess mit vielen Einzelschritten. Günther Felbinger (Freie Wähler) betonte die Notwendigkeit differenzierter Betrachtung und warnte vor der Nivellierung äußerst unterschiedlicher Bedürfnisse. Entscheidend sei unter anderem eine weitaus bessere finanzielle Ausstattung der Schulen, um dem individuellen Förderbedarf der Kinder gerecht werden zu können, so Klaus Steiner (CSU). Martin Güll (SPD) wies auf die Bedeutung besserer Rahmenbedingungen an Regelschulen wie etwa kleinere Klassen, intensive individuelle Förderung und überschaubare Schulen hin. Notwendig sei zum Beispiel auch die Einbeziehung der Sonderpädagogik in die Ausbildung der Regelschullehrer, so Renate Will (FDP). Bis der Inklusionsgedanke in den Köpfen angekommen und das alltägliche Miteinander ganz normal sei, habe man noch einen langen Weg vor sich, so Thomas Gehring (Bündnis 90/ Die Grünen) – einen Weg, den man behutsam und beharrlich gehen müsse.

Hintergrundinformation
Die Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, von den Vereinten Nationen Ende 2006 verabschiedet und bislang von 145 Staaten unterzeichnet, fordert „Achtung vor der Unterschiedlichkeit von Menschen mit Behinderungen und ihre Akzeptanz als Teil der menschlichen Vielfalt“. Auch Deutschland hat die Konvention ratifiziert und verpflichtet sich damit unter anderem, die Chancengleichheit an den Schulen und die volle Teilhabe von Menschen mit Behinderungen an Bildung zu fördern. Unter dem Stichwort „Inklusion“ soll das Bildungssystem so überarbeitet werden, dass Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderungen gemeinsam lernen und bestmöglich gefördert werden können.

In Bayern hat der Landtag in einem fraktionsübergreifenden Beschluss die Staatsregierung aufgefordert, ein Konzept zur Umsetzung eines inklusiven Bildungssystems vorzulegen. Vor der Sommerpause verabschiedete der Landtag außerdem einen Beschluss, der die Staatsregierung auffordert, verschiedene Schulprojekte zur Inklusion einzurichten.