Bild: Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle während seiner Regierungserklärung am 15. Juli im Plenarsaal. Rechts: Alltag im Klassenzimmer. - Copyright: Bildarchiv Bayerischer Landtag - Foto: Rolf Poss

Regierungserklärung zur Schulpolitik

Die bayerischen Schüler haben beim Ländervergleichstest 2009 zur Ermittlung der Sprachkompetenz in allen Schularten Spitzenplätze erreicht. Selbst Kinder aus Zuwandererfamilien schnitten im bundesweiten Vergleich überdurchschnittlich ab. Die Ergebnisse seien eine „eindrucksvolle Bestätigung der Leitlinien unserer Schulpolitik“, urteilte Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) in einer Regierungserklärung vor dem Landtag. Die Opposition warf der Regierung indes „Lobhudelei“ vor.
Text: Jürgen Umlauft | Fotos: dpa, Rolf Poss, Eleana Hegerich
16.07.2010 
Das dreigliedrige Schulsystem in Bayern ermögliche individuellen Bildungserfolg und eröffne Bildungschancen für alle, sagte Spaenle. Der Ländervergleich sei deshalb eine „schallende Ohrfeige für alle Propheten der Einheitsschule“. „Das differenzierte bayerische Bildungswesen ist herausragend leistungsstark und bietet einen besonderen Chancenreichtum“, so Spaenle. Mit der Einführung der Mittelschule und der Ausweitung der im Gymnasium bewährten Intensivierungsstunden auf Haupt- und Realschule werde dieser hohe Standard weiterentwickelt. Damit würden auch die Chancen von Schülern erweitert, deren Weg zur Hochschulreife nicht über das Gymnasium führe. Schon heute würden 42 Prozent der Hochschulzugangsberechtigungen über die Fach- und Berufsoberschulen erworben.

Nachholbedarf für Kindern aus sozial schwachen oder bildungsfernen Familien
Nicht abfinden möchte sich der Minister mit dem auch in Bayern vorhandenen signifikanten Unterschieden im Leistungsniveau zwischen deutschen Schülern und solchen mit Migrationshintergrund sowie den insgesamt noch zu niedrigen Bildungschancen von Kindern aus sozial schwachen oder bildungsfernen Familien. „Die Bildungsbeteiligung muss in Bayern weiter gesteigert werden“, sagte Spaenle. Möglichkeiten dazu sah er in der „kind- und begabungsgerechten Weiterentwicklung“ der Grundschule und des Übertrittsverfahrens nach der 4. Klasse sowie dem Ausbau der Ganztagesangebote. Zudem werde die Deutschförderung erweitert und die Schülerzahl in Klassen mit hohem Ausländeranteil auf 25 begrenzt. 


Bild: Hans-Ulrich Pfaffmann (SPD) - Copyright: Bildarchiv Bayerischer Landtag - Foto: Rolf Poss
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Hans-Ulrich Pfaffmann (SPD)
© Bildarchiv Bayerischer Landtag
SPD-Bildungsexperte Hans-Ulrich Pfaffmann warf Spaenle eine durch nichts gerechtfertigte „Lobhudelei“ vor. Von den guten Ergebnissen der bayerischen Schüler im Sprachkompetenztest auf das gesamte Schulwesen zu schließen, „grenzt fast an Volksverdummung“, zürnte Pfaffmann. Die starre Dreigliedrigkeit und das damit verbundene Aussortieren der Schüler sei Hauptursache für die regionalen und sozialen Disparitäten beim Schulerfolg. Keinerlei Aussagen mache der Ländervergleich aber zu den „miserablen Rahmenbedingungen an bayerischen Schulen mit zu großen Klassen, zu viel Leistungsdruck und Schulangst“. „Lassen Sie die Jubelorgien sein, lösen Sie lieber die Probleme“, rief Pfaffmann dem Minister zu. Als „unlauter“ bezeichnete er es, den Ländervergleich zur Abrechnung mit alternativen Schulmodellen zu nutzen. Mit Sachsen und Rheinland-Pfalz lägen zwei Länder mit Bayern praktisch gleichauf, in denen es zweigliedrige Systeme oder eine längere gemeinsame Schulzeit gebe.

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Erheblich größere Anstrengungen beim Ausbau der Ganztagesangebote forderte Thomas Gehring (Bündnis 90/Die Grünen). „Individuelle Förderung findet heute am Nachmittag bei den Müttern und den Nachhilfelehrern statt“, erklärte er. Dieser Umstand verschlechtere die Chancen von Kindern aus sozial schwachen oder bildungsfernen Familien. Gehring warb für das grüne Modell einer neunjährigen Gemeinschaftsschule. Diese mit ihrem besonderen pädagogischen Konzept und der intensiven individuellen Förderung als „Einheitsschule“ zu diffamieren, sei irreführend.

 


Eva Gottstein (Freie Wähler) forderte ein Ende der Schulstrukturdebatten. Man brauche mehr Lehrer und kleinere Klassen, zudem müsse eine echte regionale Schulentwicklung zugelassen werden. Mehr Konkurrenz der Schulen untereinander führe auch zu mehr Qualität, so Gottstein.

 


Renate Will (FDP) stellte sich hinter die Schulpolitik der Regierungskoalition, die bereits viele Neuerungen auf den Weg gebracht habe. Sie verhehlte aber nicht, dass sie weitergehende Reformen für nötig erachte. Weit größeres Augenmerk müsse vor allem auf die frühkindliche Bildung gelegt werden. „Jeder hier investierte Euro bringt eine Rendite, von der Banker nur träumen können“, sagte Will. Georg Eisenreich (CSU) warnte die Opposition davor, das bayerische Schulwesen schlecht zu reden. Mit dem „Ladenhüter Einheitsschule“ sei den bayerischen Schülern nicht gedient.