Übertritt: Sind Verbesserungen notwendig?
Bayern hat zum Start des Schuljahres 2009/2010 das Übertrittsverfahren von der Grundschule auf die weiterführenden Schulen reformiert. Erklärtes Ziel des neuen Verfahrens ist es laut Regierungskoalition, die Phase des Übertritts zu verlängern, ohne die bayerischen Qualitätsstandards zu beeinträchtigen. Im Zuge der Reform soll die Elternverantwortung gestärkt, die individuelle Förderung ausgebaut und die Beratung verbessert werden – das verspricht die Regierungskoalition. Aus Sicht der Opposition hat sich der Übertritt nach der 4. Klasse trotz Reform zur „größten Problemzone des bayerischen Schulsystems“ entwickelt. Das Übertrittsverfahren sei nach wie vor ungerecht und produziere einen enormen Leistungsdruck. Angst vor Misserfolgen bestimmten ab Klasse 3 das Lernklima in der Grundschule. Lesen Sie dazu die Stellungsnahmen der fünf Fraktionen.
„Durch die Weiterentwicklung des Übertrittsverfahrens von der Grundschule auf die weiterführenden Schulen wurden deutliche Verbesserungen für Eltern und Kinder geschaffen. Der Staat wird als „pädagogischer Schulweghelfer“ die Schüler und Eltern bereits ab der 3. Klasse intensiver beraten und begleiten. Der Elternwille wird bei der Wahl der weiterführenden Schule stärker mit eingebunden. Erreichen die Schülerinnen und Schüler im Probeunterricht die Note 4 (ausreichend), können die Eltern die Entscheidung über die Schulwahl selbst treffen. Auch für die Schülerinnen und Schüler bringen die Änderungen Vorteile. Durch das neue Verfahren, das beispielsweise die Ansage der Termine für Leistungsnachweise vorsieht, wird der Zeit- und Leistungsdruck reduziert und die Transparenz erhöht. Uns sind die Erfahrungen der Schulen und Eltern mit dem neuen Übertrittsverfahren wichtig. Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle wird daher neben zahlreichen Gesprächen auch eine repräsentative Online-Erhebung an 700 Grundschulen durchführen.
Wichtig erscheint mir, dass die Politik die immer wiederkehrende Schulstrukturdebatte beendet. Nach einer FORSA-Umfrage sind 69 Prozent der Befragten mit dem differenzierten Schulsystem und seinen vielfältigen Bildungswegen zufrieden. Die Mehrheit der Eltern und Lehrer will also keine theoretischen Debatten. Sie wollen, dass die Kinder und ihre individuelle Förderung im Mittelpunkt stehen und dass die Rahmenbedingungen an den Schulen gut sind. Hier haben wir neben dem neuen Übertrittsverfahren schon einiges auf den Weg gebracht. In einem Modellversuch wird beispielsweise erprobt, dass die Schülerinnen und Schüler die Grundschulzeit flexibel statt in vier auch in fünf Jahren durchlaufen können. Bei Klassen mit einem hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund wurde die Klassenhöchstgrenze auf 25 Kinder festgelegt. Schon jetzt liegt die durchschnittliche Klassengröße in Grundschulen bei 22,5 Schülern. Neben dem schon seit Jahren bestehenden großen Angebot an Mittagsbetreuungen haben wir in diesem Jahr begonnen, auch die gebundenen Ganztagsgrundschulen massiv auszubauen.“
„Das jetzt praktizierte Übertrittsverfahren ist ungerecht und produziert einen enormen Leistungsdruck bereits auf die Kleinsten. Das Schlimmste: Damit verlieren die Kinder nachhaltig die Freude am Lernen. Für veraltet halte ich, dass die Grundschüler der 4. Klasse Prüfungen absolvieren müssen, die über ihre weitere Schullaufbahn entscheiden. Das Übertrittszeugnis gehört abgeschafft und sollte durch ein begabungs- und kindgerechtes längeres gemeinsames Lernen ersetzt werden. Das sture Festhalten am Übertrittsverfahren ist rückwärts gewandte Schulpolitik, daran ändern auch Gelenkklassen oder andere von niemanden gewünschte Reformen nichts. Im Gegenteil, sie verschlimmbessern die Lage an den Schulen.Ich fordere zudem die zeitnahe Offenlegung aller Übertrittsquoten von den Grundschulen an die Gymnasien in Bayern. So sind zum Beispiel im Landkreis München Land im letztenSchuljahr 61 Prozent der Schüler auf ein Gymnasium gewechselt, im Landkreis Donau-Ries in Schwaben aber nur 24,7 Prozent. In der Stadt Hof schafften im gleichen Jahr 41,5 Prozent der Schüler den Übertritt auf ein Gymnasium, in München dagegen 50,5 Prozent und in Schweinfurt lediglich 28,7 Prozent.
Diese höchst unterschiedlichen Übertrittsquoten von Schule zu Schule und von Region zu Region und von Stadt zu Stadt sind der Beweis dafür, dass das gesamte Übertrittsverfahren weder objektiv noch pädagogisch begründbar ist. Die Schüler in Schweinfurt sind nicht dümmer als in München. Die SPD fordert deshalb ein weiteres Mal die Abschaffung des Übertrittsverfahrens zugunsten einer längeren gemeinsamen Schulzeit. Das Übertrittszeugnis ist zu einem Instrument der Selektion und des Leistungsdrucks bereits in der Grundschule geworden und wird der notwendigen individuellen Förderung schon lange nicht mehr gerecht. Eine längere gemeinsame Schulzeit und ein Ende der unsäglichen Auslese der Schüler nach dem vierten Grundschuljahr sind unabdingbar. Auch fordere ich die Freigabe des Elternwillens bei der Übertrittsentscheidung. Nur so kann der massive Leistungsdruck auf die Kleinsten verringert werden und mehr Bildungsgerechtigkeit geschaffen werden.“
„Auch wenn das Konzept der Gelenkklassen die Situation der Schülerinnen und Schüler beim Übertritt von der Grundschule in eine weiterführende Schulart erleichtern kann, stimmen die Rahmenbedingungen beim Übertritt noch lange nicht. Deswegen vertreten wir die Ansicht, dass weitere Verbesserungen beim Übertrittsverfahren unumgänglich sind.Die Freien Wähler halten zwei Verbesserungsvorschläge für unerlässlich: Nur die sofortige Begrenzung der Schüleranzahl in den 5. Klassen aller Schularten auf maximal 25 Schüler gewährleistet eine ausreichende Betreuung durch die Lehrer in dieser wichtigen Orientierungsphase. Dies hat auch die Forderung nach mehr Lehrern als Konsequenz. Die angekündigten 140 zusätzlichen Lehrer für die 5. und 6. Klassen der künftigen Mittelschule sind nur Tropfen auf den heißen Stein, wenn die Schüler wirklich umfassend gefördert werden sollen!
Des Weiteren muss es in allen weiterführenden Schulen für die 5. Klassen einen aufeinander abgestimmten, harmonisierten Lehrplan geben, nach dem auf unterschiedlichem Niveau unterrichtet wird. Nur so kann ein Schüler ohne große Umstellung die Schulart wechseln, falls er sich nach der 5. Klasse umentscheiden möchte. Die momentane Situation ist dagegen absolut kontraproduktiv für die Idee der Gelenkklassen! Man sollte hier auf die durchaus positiven, bewährten Erfahrungen der Orientierungsstufe der 80er Jahre zurückgreifen!
Dass zudem die Schullaufbahnberatung unter Einbeziehung von Lehrern, Eltern und Schülern in allen Phasen des Übertritts intensiviert werden muss, steht außer Frage. Dies kann aber nur durch eine umfassende Kommunikationspolitik der Regierung erreicht werden. Im Moment tappen Eltern und Schüler noch weitgehend im Dunkeln, fühlen sich zu wenig informiert über die gravierenden Änderungen, die das kommende Schuljahr mit sich bringt. Und eine solche fehlende Informationsgrundlage schürt Angst, Unsicherheit und Widerstand. Daher sollte offen mit den betroffenen Eltern, Lehrern und Schülern gesprochen werden – denn nur in der Zusammenarbeit kann ein optimiertes Konzept zum Übertrittsverfahren erreicht werden.“
„Die Übertrittspraxis in Bayern stellt Kinder, Eltern und Lehrkräfte unter enormen Erfolgs- und Entscheidungsdruck. Die Angst vor Misserfolgen bestimmt ab Klasse 3 das Lernklima in der Grundschule. Der Übertritt nach Klasse vier hat sich so zur größten „Problemzone“ des bayerischen Schulsystems entwickelt. Doch die Staatsregierung kommt über halbgare Reformversuche nicht hinaus: Neue Schlagworte wie „Übertrittskorridor“ oder „Gelenkklasse“ verschleiern letztlich nur, dass die CSU unter allen Umständen am dreigliedrigen Schulsystem fest halten will und eben nicht die Kinder in den Mittelpunkt stellt.Dabei hat sich längst gezeigt, dass das bayerische Schulsystem die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit erreicht hat: Kinder und Eltern sind zur Abstimmung mit den Füßen geschritten. Aus Angst, in der Haupt- oder Realschule abgehängt zu werden, drängen mittlerweile 40 Prozent eines Jahrgangs aufs Gymnasium. Gleichzeitig stehen insbesondere auf dem Land die Hauptschulen leer. Die Schieflage in unserem Schulsystem ist auch mit den größten ideologischen Scheuklappen nicht mehr zu übersehen.
Ein Schulsystem, das versucht, Kinder auf vorgefertigte Bildungslaufbahnen zu sortieren, anstatt sie individuell zu fördern, wird den Kindern und ihrer Begabungsvielfalt nicht gerecht. Stattdessen entscheidet vielfach der soziale und finanzielle Hintergrund des Elternhauses über die Zukunftschancen der Kinder. Damit werden Chancen vertan, Frustration und Schulunlust sind vorprogrammiert.
Wir Grünen fordern deswegen eine echte Reform des bayerischen Schulwesens mit einem Gesamtkonzept, anstatt fortwährend an einzelnen Baustellen herumzudoktern. Unser Ziel ist eine Bildungspolitik, die das Kind in den Mittelpunkt stellt – mit längerem gemeinsamen Lernen und mehr individueller Förderung. Wir machen uns deshalb stark für die Gemeinschaftsschule, in der Kinder eben nicht in einem fragwürdigen Übertrittsverfahren aussortiert, sondern entsprechend ihrer persönlichen Begabung und ihrer unterschiedlichen Entwicklung gefördert werden.“
„Das zentrale bildungspolitische Anliegen der FDP-Fraktion ist der Einsatz für mehr Chancengerechtigkeit und mehr Durchlässigkeit im bayerischen Schulwesen. Die Reform des Übertrittsverfahrens ist ein wichtiger Beitrag, um dieses Ziel zu erreichen. Wir haben uns bereits in den Koalitionsverhandlungen für die kind- und begabungsgerechte Weiterentwicklung der Übertrittsphase eingesetzt. Der Übertritt ist jetzt keine punktuelle Entscheidung mehr, sondern eine Entscheidungsphase von der dritten bis zur fünften Jahrgangsstufe, somit ist das Verfahren endlich transparenter.Wenn einem Kind nach der 4. Klasse nicht der Sprung in eine weiterführende Schule gelingen sollte, gibt es dank unseres Einsatzes nun eine zweite Chance. Unerlässlich ist allerdings eine intensive Beratung der Eltern. Sie beginnt bereits in der 3. Klasse. Alle Kinder erhalten in der 4. Klasse eine Schullaufbahnempfehlung. Fakt ist: Die Eltern werden jetzt wesentlich besser über den individuellen Leistungsstand ihres Kindes informiert.
Weiterhin wurde in der 4. Klasse eine Richtzahl an Leistungsnachweisen definiert. Wohlgemerkt: Dies ist eine Richtzahl und keine Pflichtzahl. Auch werden die Leistungsnachweise angesagt. Diese Regelung erlaubt die Definition von Phasen ohne Prüfungsdruck. Im Probeunterricht reicht künftig zwei Mal die Note Vier in Deutsch und Mathematik für den Übertritt aus. Die Eltern entscheiden dann eigenverantwortlich, welche Schule ihr Kind besuchen soll. Es ist das Verdienst der Liberalen, dass der Elternwille hier gestärkt wurde.
Alle regulären 5. Klassen sind inzwischen Gelenkklassen, in denen an allen weiterführenden Schulen besondere individuelle Fördermaßnahmen angeboten werden. Im Rahmen dieser Fördermaßnahmen soll den Schülern einerseits das notwendige Rüstzeug gegeben werden, um den aufsteigenden Übertritt von der 5. direkt in die 6. Klasse zu ermöglichen oder den Verbleib an Realschule und Gymnasium zu sichern. Wir haben aber festgestellt, dass die Lehrpläne der 5. Klassen in Deutsch, Mathe, Englisch und den naturkundlichen Fächern in den weiterführenden Schulen noch nicht genug aufeinander abgestimmt sind. Dies werden wir aber auf parlamentarischem Weg noch optimieren.“


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